EU vs. X – Der Regulierungs-Krieg und die Hypokrisie-Falle
Die Auseinandersetzung zwischen der EU und der Plattform X eskaliert und sie betrifft weit mehr als nur eine einzelne Strafe. Was als regulärer Konflikt über die Einhaltung des Digital Services Act (DSA) begann, hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem politischen Schlagabtausch entwickelt, der die Glaubwürdigkeit europäischer Digitalregulierung infrage stellt. Während Brüssel X mangelnde Transparenz vorwirft, dreht die Plattform den Vorwurf um und schafft damit Konsequenzen, die weit über den Einzelfall hinausreichen.
Warum der Konflikt eskaliert
Die EU verhängte eine Strafe von 140 Millionen US-Dollar gegen X, weil die Plattform laut Kommission zentrale Transparenzpflichten des Digital Services Act verletzte, darunter die Kennzeichnung und Funktionsweise der Blue Checkmarks. X reagierte mit der Sperrung des offiziellen Anzeigen-Accounts der Europäischen Kommission und warf Brüssel vor, gegen Integritäts- und Werberichtlinien verstoßen zu haben. Der Streit verschärft die Debatte um die politische Dimension der DSA-Durchsetzung und rückt damit auch ergänzende Regelwerke wie den Digital Fairness Act in den Fokus, der ähnliche Ziele in Bezug auf Transparenz und Wettbewerbsfairness verfolgt.

Vom Regelverstoß zur politischen Konfrontation
Der Auslöser der Eskalation war die hohe Strafzahlung, die Brüssel als notwendige Konsequenz für systematische Transparenzverstöße betrachtete. Doch die Gegenmaßnahme von X, nämlich die Sperrung des offiziellen Ads-Accounts der Europäischen Kommission, verschiebt den Konflikt auf eine politisch aufgeladene Ebene.
Die Plattform argumentiert, die EU fordere Transparenz, halte sich jedoch selbst nicht an die Mechanismen, die sie regulieren möchte. Damit entsteht der Vorwurf der Doppelmoral und des bewussten Einsatzes von Reichweite für politische Zwecke.
Für zusätzliche Brisanz sorgte die Enthüllung, dass die Europäische Kommission einen seit 2021 ungenutzten Anzeigen-Account nutzte, um ihre Mitteilung zur Strafe zu verbreiten. Noch bedeutsamer war der technische Kniff, bei dem ein regulärer Link als Video getarnt wurde, ein Format, das der X-Algorithmus automatisch bevorzugt. Nach Einschätzung von X-Produktchef Nikita Bier handelt es sich um klassisches System-Gaming und damit um einen klaren Verstoß gegen Integritätsregeln, dessen Zweck in einer künstlichen Steigerung der Reichweite lag.
Öffentlicher Aufschrei und „Heuchelei-Vorwurf“
Die technischen Enthüllungen schlagen insbesondere auf der Plattform selbst hohe Wellen. In einem viralen Post wird die Strategie der EU bereits als „Heuchelei auf Steroiden“ bezeichnet. Während Brüssel gegen X wegen täuschender Praktiken vorgeht, wird der Kommission vorgeworfen, selbst „Dirty Tricks“ und System-Glitches genutzt zu haben, um ihre Botschaften zu verbreiten. Die Sperrung des EU-Anzeigen-Accounts durch X wird in der Debatte als notwendige Verteidigung der Plattformintegrität gewertet – ein Narrativ, das den Druck auf die Glaubwürdigkeit der EU massiv erhöht.
Die Konsequenzen für den DACH-Raum
Die Eskalation erreicht besonders im deutschsprachigen Raum eine relevante Dimension. Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz müssen teils erhebliche Investitionen tätigen, um DSA-konform zu agieren, etwa durch Transparenzberichte oder umfassende Risikoanalysen. Der Vorfall führt deshalb zu einem spürbaren Problem der Gleichbehandlung.
Wenn die Regulierungsbehörde selbst die Grenzen austestet oder überschreitet, schwindet das Vertrauen in die Fairness der Durchsetzung. Zugleich verstärkt der Fall die Kritik aus den USA, der DSA diene weniger dem Nutzerschutz als der geopolitischen Regulierung amerikanischer Tech-Konzerne. Der Konflikt entwickelt sich dadurch zu einem Symbol für eine tieferliegende Spannungsachse zwischen politischer Macht und technischer Plattformlogik.
Der Vorfall wirft grundlegende Fragen zur Glaubwürdigkeit europäischer Regulierung auf. Wenn die EU selbst algorithmische Mechaniken ausnutzt, um politische Botschaften zu verstärken, untergräbt das die normative Grundlage des DSA, der Transparenz und Fairness sichern soll. Für Unternehmen im deutschsprachigen Raum, die komplexe Compliance-Regeln erfüllen müssen, entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Anspruch und gelebter Praxis. In den USA dient der Fall bereits als Argument, dass der DSA politisch motiviert sei.
Fazit: Ein Präzedenzfall, der nachwirkt
Die EU wollte mit der Strafe gegen X ein Signal für konsequente Regulierung setzen. Doch der Vorwurf, selbst algorithmische Hintertüren genutzt zu haben, stellt dieses Signal infrage. Entscheidend wird nun sein, wie transparent die EU ihre eigenen Prozesse aufarbeitet.